Reisen‎ > ‎

Mit dem Motorrad nach London 2012

Ein Kurztrip über Ostern mit dem Motorrad nach London. Das allein klingt schon nach einer guten Idee. Mit zwei Motorrädern jedoch klingt es gleich noch besser und so wurde es dann auch gemacht.

Gerhard mag kein Plastik an seinem Moped, und so hat er seine Maschine schon ganz ordentlich zerlegt und nach und nach alles an weichen Teilen ausgetauscht was auszutauschen war. Die letzten Teile erst am Abend zuvor, und so kann es ja schon mal passieren, dass man während der Fahrt mal noch kleinere Unstimmigkeiten feststellt und es mit etwas Pappe und einem Schraubendreher mal noch etwas nachgefummelt werden muss.

Wir fahren zwar in Köln recht zeitig los, fahre aber statt nach Belgien erst mal zielstrebig nach Holland und müssen doch glatt noch mal zurück um unseren Fehler wieder gut zu machen. Denn wir haben kaum etwas geplant, keine Ahnung, und nicht mal eine Karte und fahre zumeist eher einfach drauf los. Diese Taktik klingt genial, verwegen und unglaublich frei, sorgt aber auch dafür das wir ziemlich gehetzt, mit 25 Minuten Verspätung und der letzten Unze Sprit im Tank an der Autofähre ankommen. Die Menschen dort sind jedoch sehr entspannt und buchen uns einfach auf die nächste Fähre mit ein, und diese wird zufällig auch schon wenige Minuten später zum Befahren freigegeben.

 

Die Motorräder werden auf der Fähre mit Spanngurten festgeschnallt, damit auch stärkerer Seegang die Möhren nicht zum Umkippen bringt. Geholfen wird einem dabei nicht, und beim ersten mal brauchen wir schon sicher 15 Minuten um die Mopeds festzumachen. Das mein Hobel keinen Hauptständer hat stellt sich dabei als weniger schlimm raus als gedacht, man muss nur darauf achten, die Spannvorrichtung auf der richtigen Seiten zu haben!












Die Fährfahrt selbst stellt sich dabei als willkommene Pause raus. Entspannt essen wir schlechtes Essen, summe schlechte Seemannslieder und finden raus das sich auf Deck im Prinzip nur Raucher rumtollen. Nach etwa einer Stunde Fahrt sehen beide Ufer so nahe aus das wir überrascht sind, wie schmal der Ärmelkanal doch ist.

Nach der Ankunft heißt es sich auf Linksverkehr einstellen, aber das klappt erstaunlich einfach. Da England für mich nun das Land der Mittelspurschleicher ist, erfordert es aber einige Übung auf einer dreispurigen Autobahn von ganz links, am Schleicher vorbei, nach ganz rechts zu schwenken, um zu überholen. Aber nach der 3. Schnecke klappt auch das wunderbar und gehört von nun an zur notwendigen Fahrkunst in Großbritannien dazu.

Noch mal zum Thema planlos. Wenn man vor einer echt großen Stadt wie London ankommt, auf der falschen Seite fahren muss und außer dem Straßennamen von der Unterkunft nicht den blassesten Schimmer hat, also etwa wie man dort hinkommt, und es nebenbei noch langsam anfängt zu dämmern, dann kann das ganze schon mal zu einem Problem werden. Wir entscheiden uns also etwa 20 KM vor London ganz spießig eine Karte zu kaufen, um auch nur den richtigen Stadtteil finden zu können. Aber wie befestigt man die Karte am besten, wenn man keine Halterung hat? Nach prächtigen Ideen von "In der Hand halten", "Zwischen den Beinen" oder "kleine Teile auswendig lernen" entscheiden wir uns eine Halterung zu basteln. Gerhard bekommt direkt glänzende Augen und als echter Fan von MacGyver ist er direkt dabei. An einer Tankstelle halten wir an um eine Karte und Teile für eine Halterung zu besorgen, merken aber das wir nicht mal die kleinste Ahnung haben, wo wir uns befinden. Also wird in der Not der Verzweiflung der Plan noch mal geändert und es muss eine Halterung für mein Handy her.














Nach dem Einkaufen in der Tanke haben wir alles was wir brauchen, um mein Handy professionell an dem Motorrad zu befestigen: Schnur, Klebeband, Messer, Kaugummi. Gerhard ist nicht zu bremsen und nachdem alles fertig ist, wäre sogar MacGyver persönlich neidisch gewesen! Die Konstruktion ist großartig und im Nachhinein war das auch eine echt gute Idee. London ist einfach nur groß, und trotz Navigation haben wir noch fast eine Stunde gebraucht, um einmal halb durch die Stadt zu unserem Ziel zu kommen. In dunkeln mit einer Karte wären wir vermutlich erst morgens angekommen, und auch erst nachdem wir ein Taxi bezahlt hätten, um ihm nachfahren zu können.

 

London selbst ist groß und beeindruckend, auch wenn ein langes Wochenende nicht mal im Ansatz ausreicht, um es sich wirklich anzusehen. Ich hatte Glück das Gerhard vor einigen Jahren schon mal eine ganze Woche hier war, so konnte ich ihn nun als persönlichen Fremdenführer gebrauchen und mir einige Highlights einfach direkt zeigen lassen. Wir haben uns aber auch nicht gehetzt und waren ziemlich entspannt die ganze Zeit. Denkwürdig war zum Beispiel unser original englisches Frühstück, das wir extra abseits der Touristenecken eingenommen haben, weil dort sichtbar mehr Einheimische gegessen haben und es preislich auch eine andere Welt war. Beim essen krabbelte eine ziemlich große Kakerlake in unserer Nähe die Wand runter, und als ich sie Gerhard zeigte um mal zu sehen wie er reagiert blieb der ziemlich locker und während wir weiter aßen diskutierten wir darüber ob es nicht doch nur eine seltsame Heuschrecken gewesen sein konnte ;) (das Essen war jedoch wirklich super und die Bedienung sehr freundlich!)


Gegen sehr frühen Abend kamen wir dann mit erschöpften Füßen in so etwas wie einer Altstadt an. Kneipen in Hülle und Fülle an jeder Ecke. Das mussten wir nutzen und das Motto sollte "in jeder Bar ein Bier" werden. Aber auch wenn die Engländer kein Bier braun können, so können sie doch die Gläser vollmachen und so war dieser Plan gleichzeitig der schlechteste und der letzte Plan des Tages ...

 


Was einem in London noch direkt auffällt: Kameras! Überall und auf Schritt und Tritt wird man gefilmt. Man hat von der Filmwut der Londoner im Namen der Sicherheit ja sicher schon vielfach gelesen, aber wenn man erst mal da ist, kann man sich durchaus durchgehend beobachtet vorkommen. Seltsames Gefühl, ich würde gerne mal wissen, wie lange ich da sein müsste, damit das weggeht ... falls überhaupt. Besonders komisch ist es auf den öffentlichen Toiletten, auf denen auch Kameras hängen und am Pissoir ein kleines Schild, das drauf hinweist - na danke!



Die Rückfahrt war in einer Sache wir die Hinfahrt: außerordentlich ungeplant und chaotisch. Aber das hat uns einige sehr schöne Abschnitte an der englischen Südküste eingebracht. Leider war das Wetter nicht mit uns, und als wir am frühen Abend auf der Fähre angekommen sind haben wir die Seefahrt genutzt um etwas zu schlafen, die Handschuhe auf dem Klo mit dem Handpustegerät zu trocknen und eine weitere Bekleidungsschicht über zu ziehen. Auf dem guten alten Festland dann fing das frieren erst wirklich an, und so haben wir bis zur Ankunft noch so manche Rast zum aufwärmen machen müssen.

Comments